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Kommentar zum SZ Artikel "Situation in der Pflege verschärft sich"

Nur wer brüllt, ist noch lange kein Löwe​

von Martina Rosenberg

Die Überschrift der Süddeutschen könnte auch heißen "Nicht alles ist schlecht in der Pflege", denn tatsächlich ist auch einiges besser geworden. Aber aus irgendeinem Grund, tun sich die Medien schwer, Gutes im Zusammenhang der Pflege zu berichten. Gut ist zum Bespiel der Rückgang der künstlichen Ernährung in den Heimen sowie die "freiheitsentziehenden Maßnahmen", deren Anzahl der betroffenen Heimbewohner von 12 auf 9 Prozent gefallen ist. Hierzu gehören übrigens nicht nur der Gebrauch von Bettgittern oder Bauchgurten, sondern auch bewusstseinsdämpfende Medikamente, wie Schlafmittel oder Psychopharmaka, die ohne medizinische Notwendigkeit eingesetzt werden. Der gesunkene Einsatz der freiheitsentziehenden Maßnahmen bedeutet, es gibt immer mehr innovative Methoden und Möglichkeiten, die Menschen mit beispielsweise ausgeprägten Bewerbungsdrang würdevoll zu begleiten. Besondere Aufmerksamkeit hierzu sollte man dem Konzept "Werdenfelser Weg"
http://werdenfelser-weg-original.de schenken, das sich immer weiter verbreitet und dafür stark macht, vermeidbare Freiheitsbeschränkungen konsequent zu unterbinden.

Anspruch auf Auszeit für pflegende Angehörige

Was besonderen Grund zur Freude gibt, ist der Vorstoß von Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Er will den pflegenden Angehörigen ein jährliches Budget zuteilen, mit dem sie sich eine Auszeit bzw. Reha-Leistungen in Anspruch nehmen können. Vor allem, soll es unkompliziert sein, verspricht er. Das ist die richtige Richtung, weil es genau dort ankommt, wo es dringend gebraucht wird und somit die Pflegenden zuhause unterstützt werden. Mal sehen, wann und wie es kommt.

Die Situation in den Pflegeheimen hat sich verschärft

Die Überschrift in der SZ vom 01.02. suggeriert, dass die Lage sich eklatant verschlimmert hat. Übersehen wird jedoch dabei, dass sich die Probleme vielmehr in eine Richtung verschieben, nämlich in Richtung Heim. Die alten Menschen können viel länger zu Hause bleiben und wechseln somit sehr viel später ins Pflegeheim. Das wiederum hat damit zu tun, dass die ambulanten Hilfen stetig ausgebaut werden und somit die Pflege zuhause gestärkt wird. So manch' Einrichtungsleitung beklagt, dass sie immer mehr den Charakter eines Hospizes bekämen, weil die Bewohner nur noch wenige Monate leben würden, wenn sie in ihre Einrichtung einziehen. Das würde auch erklären, warum es einen deutlichen prozentualen Anstieg der Anzahl von Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz in den Heimen gibt. Wer irgendwie kann, bleibt zuhause.

Union und SPD wollen nachbessern

Es ist lobenswert, dass die beiden großen Parteien sich für mehr Fachkräfte einsetzen. Doch trotz intensiver Suche, findet man keinen Hinweis darauf, woher die Fachkräfte kommen sollen? Obwohl die Löhne in Bayern sich sehen lassen können, werben sich die Träger gegenseitig das vorhandene Personal ab. Soll heißen, die Höhe des Gehaltes alleine, ist nicht unbedingt der Grund für den Fachkräftemangel. Interessant wäre auch zu erfahren, wer die entstehenden Mehrkosten bei einer höheren Personaldichte bezahlen soll? Wenn die SPD-Vizechefin Malu Dreyer sagt, es gehe nicht auf Kosten der Pflegebedürftigen, dann stellt sich die Frage, ob es geplant ist, die Pflegesätze der gesetzlichen Pflegeversicherung hochzusetzen? Denn bleiben die Pflegesätze unverändert, dann kann es nur auf Kosten der Pflegebedürftigen gehen.


Titelbild: © Lars Niebling / stock.adobe.com