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Die zunehmende Anzahl von pflegebedürftigen Menschen mit dem gleichzeitig flächendeckenden Fachkräftemangel stellt immer mehr Familien vor große Herausforderungen. Hinzu kommen die regionale Zersplitterung der Familie sowie die steigende Erwerbsquote der Frauen, die eine Pflege zu Hause immer schwieriger machen.

Der Wunsch, „so lange wie möglich zu Hause“, ist mehr als verständlich, dennoch müssen die Rahmenbedingungen stimmen, damit dies auch für alle Beteiligten gelingen kann.

Wenn die Pflege unverhofft kommt

Ist der Pflegefall eingetreten – plötzlich oder schleichend –, stellt sich zunächst in vielen Familien gar nicht erst die Frage: Wie wollen wir Pflege bewältigen? In den meisten Fällen agiert zunächst derjenige, der am nächsten dran ist. Kinder oder Ehepartner versuchen zuallererst, die notwendige Hilfe zu leisten

Es werden...

  • Einkäufe erledigt
  • Arzttermine organisiert
  • Unterstützung im Haushalt angeboten
  • Kleine Betreuungsleistungen übernommen

Doch aus kleinen Hilfsangeboten kann schnell eine zeitaufwendige Pflege rund um die Uhr werden.

Planung ist unabdingbar

Ehe sich der Angehörige versieht, steckt er ungeplant und ungefragt in einer Pflegesituation, in der er so nie landen wollte. Das führt in den meisten Fällen zu Konflikten, da der pflegende Angehörige schnell zu dem Punkt kommt, an dem er überfordert ist.

Zeitlich, emotional und ggf. auch finanziell.

Aus diesem Grund ist es enorm wichtig, gleich zu Beginn oder, noch besser, vor dem Eintreten einer Pflegebedürftigkeit mit allen Familienmitgliedern ein offenes Gespräch zu führen.

Ehrlichkeit ist der erste Schritt, um ein gemeinsames Gelingen zu sichern.
Alle müssen mitmachen!

Stellen Sie sich und den anderen Familienmitgliedern den folgenden Fragen:

1. Wer kann sich einbringen und in welcher Form?
Bedenken Sie dabei, dass nicht jeder die gleiche Zeit zur Verfügung hat.
Wie viel Zeit steht Ihnen zur Verfügung? 

2. Welche Form der Pflege ist die richtige?
Soll die Pflege zu Hause stattfinden? Wenn ja, sollte unbedingt besprochen werden, was zu tun ist, falls es zu Hause nicht mehr geht.
Diese Frage zu beantworten ist vor allem für denjenigen wichtig, der die Pflege hauptsächlich übernehmen wird.

  • Ist eine Kurzzeitpflege denkbar?
  • Käme eine Tagespflege infrage?
  • Welches Heim wäre in der Nähe?

Es ist ein beruhigendes Gefühl zu wissen, einen Ausweg gehen zu können, wenn die eigene Kraft schwindet. Nichts ist schlimmer, als mit dem Rücken an der Wand zu stehen.

Und dieses Gefühl kann schnell aufkommen,
wenn die pflegenden Angehörigen die Last nicht mehr tragen können und schlimmstenfalls selbst daran erkranken.

3. Ist ein Heimplatz geplant?
In vielen Fällen ist die Pflege zu Hause nicht möglich, da beispielsweise kein Angehöriger in der Nähe wohnt oder dieser keine Möglichkeit hat, die Pflege zu übernehmen.

In diesem Fall empfiehlt es sich, lange vor dem Umzug zu klären,
welches Haus infrage kommen würde. Ein gemeinsamer Besuch in einem Heim schafft Vertrauen und kann Ängste nehmen.

4. Falls es die Elternpflege betrifft: Wie steht Ihr/e Partner/in dazu?
Vergessen Sie nicht, Ihre eigene Familie in die Entscheidung mit einzubeziehen. Wenn der Partner die Pflege der Eltern und den damit entstehenden Zeitaufwand nicht mitträgt, weil Sie das nie miteinander besprochen haben, dann fehlt die so wichtige Unterstützung.

Ein frühzeitiges Gespräch mit dem Ehepartner oder den Kindern
stellt sicher, dass sich niemand übergangen fühlt. Im Team lässt sich mehr schultern.

5. Wie stehen Sie zu dem Menschen, der pflegebedürftig ist?
Die Pflege eines Menschen ist eine Aufgabe, die neben viel Empathievermögen auch eine emotionale Bindung voraussetzt. Nicht jeder hat diese Bindung zu einem Elternteil oder auch zum Ehepartner.

Prüfen Sie sich selbst und stellen Sie sich die Frage, ob Ihre Liebe dieser Belastung standhält.
Gerade bei Pflegebedürftigen mit demenzieller Erkrankung kann die Pflege eine große emotionale Herausforderung werden, der nicht jeder gewachsen ist. Aufkommende Aggression in der häuslichen Pflege durch Angehörige ist leider immer noch ein Tabuthema, aber trotzdem sehr präsent.

Einer EU-Untersuchung zufolge werden 25 Prozent der pflegebedürftigen Menschen
vernachlässigt und gar misshandelt. Deswegen sollte jeder für sich prüfen, ob er dieser Belastung standhält.
 

Frühzeitig Hilfe von außen holen

Versuchen Sie nicht, sämtliche Aufgaben alleine meistern zu wollen. Hilfe in Anspruch zu nehmen ist keine Schande.

Im Gegenteil: Wer frühzeitig Hilfe zulässt, schont die eigenen Ressourcen und der Pflegebedürftige kann sich langsam an fremde Hilfe gewöhnen.

Beginnen Sie mit kleinen Schritten,
die von einem ambulanten Dienst oder auch im Rahmen sogenannter Alltagshelfer übernommen werden. So können sich beide Parteien langsam an die neue Situation gewöhnen und die Chancen, lange zu Hause zu bleiben, werden dabei enorm erhöht.

Wie kann Pflege also gelingen?

  • Führen Sie frühzeitig ein ehrliches Gespräch mit allen Familienmitgliedern.
  • Prüfen Sie Ihre emotionale Bindung zu dem Pflegebedürftigen – nicht immer ist die persönliche Pflege möglich.
  • Steht Ihnen genügend Zeit zur Verfügung? Werfen Sie einen ehrlichen Blick auf Ihren Kalender. 
  • Wer sich frühzeitig Hilfe ins Haus holt, kann eine Pflege zu Hause länger realisieren.
  • Beziehen Sie die gesamte Familie (Partner/Geschwister) in die Planung mit ein.
  • Beziehen Sie Ihren Arbeitgeber mit ein und nehmen Sie bei Bedarf gesetzliche Regelungen in Anspruch.

Bild: © famveldman / stock.adobe.com