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Heute scheint die kleine Welt, in der man lebt, noch in Ordnung zu sein,
doch mit einem Schlag kann morgen alles anders sein. Ein Unfall, ein Schlaganfall oder eine heimtückische Krankheit verändern unser Leben von Grund auf. Bisher dachten wir, es träfe meist die anderen, nie aber einen selbst. Mit Distanz sah man bisher betroffen aus der Ferne zu und hoffte, selbst erwische es einen nicht.

Doch dann ist es da

Unaufhaltsam –  unwiderruflich und erbarmungslos.  Egal, ob es die Eltern sind, der Ehepartner oder gar das eigene Kind, die zum Pflegefall werden. Für die Angehörigen steht die Welt auf dem Kopf und für diejenigen, die das erleben müssen, ist es eine persönliche Katastrophe.

Es folgt die Erkenntnis, wie verletzlich wir alle doch sind und wie schnell alles was heute noch als normal erscheint, morgen vorbei sein kann.

Doch unsere Liebe und Zuneigung füreinander sorgen dafür, dass wir helfen und den betroffenen Menschen umsorgen.

  • Doch was passiert mit uns, wenn der Mensch sich verändert und kaum noch an denjenigen erinnert, der er einst war?
  • Was geht in einem Helfenden vor, wenn er keine Wertschätzung mehr für seine Hilfeleistung erfährt?
  • Wenn nur noch gemeckert wird und die schönen Momente eines Miteinanders immer weniger werden, bis sie dann völlig erlöschen?

Schon in den DEGAM-Leitlinien
(Handlungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin für Ärzte und deren Praxisteams sowie für Patienten) aus dem Jahre 2005 wurde das Burn-out-Syndrom in verschiedenen Ausprägungen beschrieben.

  • Sieben Prozent der pflegenden Angehörigen beschreiben es als sehr hoch
  • 24 Prozent als hoch
  • 39 Prozent als mittel
  • 30 Prozent empfinden gar keine Erschöpfung

Hier bestätigt sich bereits, was ich selbst erfahren habe.

Nur wer für sich auch einen emotionalen Gewinn in der Pflege sieht, betrachtet die Aufgabe weniger belastend, sondern vielmehr als sinnvoll. Es ist die tiefe Befriedigung, einem geliebten Menschen auch in schwieriger Zeit beizustehen.

Doch was passiert, wenn alle Bemühungen des Helfers verpuffen?
Wenn es keine Belohnung in Form von netten Worten, Dankbarkeit oder Wertschätzung gibt?

Wer das täglich erlebt, weiß, wie schwer es ist, sich weiter zu motivieren.
Die Hilfsbereitschaft, einst aus einem tiefen Gefühl der Verbundenheit entstanden, muss wie eine Pflanze gepflegt werden. Ohne Zuwendung wird sie verwelken und vergehen.

In unterschiedlichen Untersuchungen aus den letzten Jahren, wurde immer wieder festgestellt, dass über die Hälfte der pflegenden Angehörigen die mangelnde Wertschätzung beklagen. Am Ende steht vielleicht der Frust, schlimmstenfalls die Depression und wenn alles schief läuft, auch der Verlust eines Gefühls, das man glaubte nie zu verlieren: Die Liebe.

Mir war klar - Ich werde helfen

In meinem Fall war völlig klar, dass ich meinen Eltern in ihrer schwierigen Situation helfen werde. Meine Mutter erkrankte mit ca. 75 Jahre an vaskulärer Demenz. Mein Vater erlitt in der gleichen Zeit einen Schlaganfall, der ihm das Sprechen schwer machte. Die Beiden befanden sich unwiderruflich auf einer Abwärtsspirale und für mich entstand ein Wettlauf mit der Zeit.

Jeden Tag bemühte ich mich erneut, meinen Eltern das Leben zu erleichtern.
Zuerst durch allabendliche Gespräche und dann Schritt für Schritt mit anderen Hilfen wie Einkaufsfahrten, gemeinsame Spaziergänge, Hilfe im Haushalt usw. Am Ende wurde ein 24-h-Job daraus. Meine Mutter war stark dement, mein Vater wütend auf das Schicksal und depressiv.

Alles was uns einst ausgemacht hat, war vergangen. Vergangen war auch meine Kraft und meine Lebensfreude.

Jeder Tag mit meinen Eltern wurde zur Qual,
weil ihnen und irgendwann auch mir, die Lebensfreude abhanden gekommen war. Meine Mutter, die längst nicht mehr redete und auch nicht mehr an die Frau erinnerte, die sie mal war, ist mir verloren gegangenen. Mit ihr ist auch die Liebe Stück für Stück verschwunden.


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