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Ein relativ neues Projekt, das im Jahr 2007 seinen Anfang fand.

Eine Familie, die über einen entsprechenden Wohnraum verfügt, nimmt einen oder zwei pflegebedürftige Senioren in deren Haus auf. Die Betreuung der Gastfamilie sowie die Vermittlung und Auswahl wird von Wohlfahrtsverbänden oder Vereinen organisiert. Derzeit gibt es allerdings nur wenige Anbieter in Deutschland (siehe Liste). Ein noch nicht weit verbreitetes Modell für pflegebedürftige alte Menschen. Aber auf alle Fälle ein Angebot, bei dem es sich lohnt, genauer hinzusehen.

Geeignet ist diese Form der Betreuung für alle Senioren, die Familienanschluss suchen und nicht in ein Heim gehen wollen.

Auch finanziell könnte es eine echte Alternative darstellen.
Da aber die Preise je nach Region schwanken, will ich hier keine allgemein gültige Aussage machen. Nach Auskunft einzelner Anbieter geht es bei monatlichen Kosten von rund 1.400 Euro los.

In einem Modellprojekt, welches vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung Familie und Frauen sowie der Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassenverbände in Bayern im Zeitraum vom 1. Januar 2007 bis zum 31. Dezember 2009 gefördert wurde, ist zu lesen, welche Faktoren ungeeignet für eine erfolgreiche Betreuung in einer Familie sind.

In diesem Projekt ging es um ein betreutes Wohnen in Familien
für Menschen mit psychischer Erkrankung im Alter. Als Zielgruppe wurde Senioren mit Demenz oder Altersdepression genannt.

Für ungeeignet wurden Senioren eingestuft die in der Nacht umherirren oder weglaufen. Ebenfalls ungeeignet sind Menschen mit starken Aggressionen oder Selbstmordgefährdung.

Bei den Gastfamilien ist Voraussetzung,
dass mindestens einen halben Tag jemand zuhause ist. Selbstverständlich muss ausreichend Wohnraum vorhanden sein, und das soziale Umfeld sollte intakt sein.

Moralische Bedenken der Kinder

Für pflegende Angehörige, insbesondere für die Töchter der Pflegebedürftigen, ein Modell, bei dem es noch „moralische Bauchschmerzen“ gibt.
„Wie sieht das denn aus, wenn ich meine Mutter oder meinen Vater zu einer fremden Familie gebe?“, ist da zu hören. Schnell ist die Sorge groß, dass man als „Rabentochter“ in die Dorfgeschichte eingeht.

Dabei ist es meist für alle Beteiligten ein Gewinn.
Der Pflegebedürftige freut sich über den Familienanschluss und den Trubel im Haus.

Die Kinder des Pflegebedürftigen, die oftmals keine Zeit und evtl. auch nicht die persönliche Nähe haben, schätzen die persönliche Betreuung, die der Pflegebedürftige dort erfährt. Die Pflegefamilien können sich zusätzlich ein kleines Einkommen sichern.

Ausbau dieser Form der Pflegeübernahme

Es wäre durchaus wünschenswert, dass diese Form der Pflegeübernahme weiter ausgebaut wird. Dabei ist es nicht so, dass die Pflegebedürftigen und deren Angehörigen auf sich allein gestellt sind.

Dienstleister wie beispielsweise die gemeinnützige GmbH „Herbstzeit“
suchen passende Familien aus und schulen die Betreuer in den Familien entsprechend. Fachkräfte unterstützen die Pflegefamilie in der Pflege und stehen mit Rat und Tat zur Seite.

Wo findet man eine Pflegefamilie?

Betreutes Wohnen in Familien gibt es in

  • Chemnitz (VIP Chemnitz e. V.)
  • Rendsburg (Pflege LebensNah gGmbH Rendsburg)
  • Bielefeld (AWO)
  • Burscheid-Hilgen (Die Kette e. V.)
  • Dortmund (LWL Wohnverbund)
  •  Lippstadt und Marsberg(LWL-Wohnverbund)
  • Biberach (Freundeskreis Schussenried e. V.)
  • Landkreise Ortenau und Emmendingen (Herbstzeit GmbH)
  • Ravensburg (Arkade e. V.)
  • Kaufbeuren (Bezirkskliniken Schwaben - Wohnen und Fördern)
  • Oberkotzau (ASD e. V.- Pflege zu Hause „Die Insel“)
  • „ALTERnativ“ Netzwerker e. V. in Rottweil, „BÄNKLE“ Verein zur Förderung einer sozialen Psychiatrie e. V. (VSP) in Tübingen.

Website mit den einzelnen Adressen und Ansprechpartner sowie weitere Informationen dazu: http://bwf-info.de

Der Vorteil für die Angehörigen:
Das Gefühl, zu wissen, mein Vater oder Mutter ist in eine Familie eingebunden und hat immer die gleichen Ansprechpartner.

Der Nachteil für die Angehörigen:
Bei einer fortschreitenden Demenz könnte es sein, dass auch hier ein Wechsel in eine gerontopsychiatrische Fachabteilung nötig sein wird. Ein zweites Mal, muss sich der Pflegebedürftige dann an eine neue Umgebung gewöhnen.

Fazit

  • Wer die Geselligkeit bevorzugt und sich in einer Familie wohlfühlt, für den ist ein Pflegeplatz in einer Gastfamilie eine interessante Alternative.
  • In den Gastfamilien kommt es oft vor, dass die Frauen aus Pflegeberufen kommen, wie beispielsweise ehemalige Krankenschwestern oder Altenpflegerinnen.
  • Aber, wie bereits erwähnt: Die Gastgeber werden auch fachlich auf die Aufgabe vorbereitet und fortlaufend betreut.

Ob die „Chemie stimmt“, lässt sich im Vorfeld kaum feststellen,
deswegen bieten die meisten Dienstleister ein sogenanntes Probewohnen an, das der „neue Bewohner“ unbedingt in Anspruch nehmen sollte, bevor er sich festlegt.


Titelbild: © Jacob Lund / stock.adobe.com
Vorschaubild: © Dasha Petrenko / stock.adobe.com