Sind Pflegekräfte aus Osteuropa eine Alternative?

Immer wieder werde ich auf Veranstaltungen gefragt, ob denn eine Pflegekraft aus Osteuropa auch eine Lösung oder eine Alternative zum Heimumzug wäre. Jedoch sollte jedem bewusst sein, dass oftmals keine pflegerische Ausbildung vorhanden ist. Meist sind es Haushaltshilfen, die vermittelt werden. Schauen Sie bei der Auswahl genau hin. Und bedenken Sie bitte, dass auch hier deutsches Arbeitsrecht zählt. Wer eine 24-Stunden-Pflege möchte, braucht dazu 3 ausgebildete Pflegefachkräfte!

Haushaltshilfen aus Osteuropa

Dennoch kann diese Form der Pflege zuhause kann eine echte Alternative zu einem Umzug ins Heim sein. Meine Eltern wurden über viele Jahre hinweg von polnischen Pflegekräften versorgt. Wir hatten das Glück, dass die Agenturleiterin selbst eine ausgebildete Krankenschwester war und die meiste Zeit vor Ort war. So konnte sie auch pflegerisch tätig sein und nicht nur als Haushaltshilfe agieren, wie sonst vermutlich die Mehrzahl der Helfer aus Osteuropa.

Ständiger Wechsel der Pfleger

Alle 6-8 Wochen jedoch gab es einen Wechsel der Pflegehelferinnen. Manche kamen nach 2 Monaten wieder, andere wiederum sahen wir nie wieder. Für meine Eltern war der ständige Wechsel nicht einfach. Die Kommunikation war mal mehr, mal weniger gut. Die Eine hatte Heimweh und die Andere war wenig belastbar. Dennoch brachten sie viel Wärme und Herz in den schwierigen Alltag meiner Eltern. Nur durch sie war es möglich, den Umzug in ein Heim zu verhindern.

Voraussetzungen

Wer eine Pflegerin oder Haushaltshilfe aus Osteuropa einsetzen will, muss genug Platz im Haus oder in der Wohnung haben. Sie hat Anspruch auf ein eigenes Zimmer sowie auf Verpflegung vor Ort.

Die monatlichen Kosten belaufen sich je nach Qualifikation zwischen 1600 und 2200 Euro. Meistens sind es tatsächlich nur Haushaltshilfen, die keine pflegerische Ausbildung haben. Sie helfen bei der täglichen Hygiene, bei der Hautpflege, Kämmen, Essen und machen den Haushalt. Da sie keine ausgebildeten Pflegerinnen sind und nicht wissen, was zu tun ist bei beispielsweise bettlägerigen Menschen, um ein Wundliegen zu vermeiden, bedeutet das, in schwereren Pflegefällen muss zusätzlich der ambulante Pflegedienst eingesetzt werden.

Seit dem 1. Mai 2011 ist der Arbeitsmarkt für Pflegehilfen aus Osteuropa geöffnet worden. Sie können legal in Deutschland arbeiten und brauchen keine Arbeitserlaubnis. Das betrifft Länder wie Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowenien, Ungarn, Slowakische Republik, Tschechische Republik.

Meine persönliche Einschätzung

Es ist nicht jedermanns Sache, wenn plötzlich in den eigenen vier Wänden ein fremder Mensch wohnt. Es bedeutet für den zu Pflegenden, er ist ein und derselben Person ausgeliefert. Sie wissen nicht, wer kommt und ob die Chemie zwischen Pflegekraft und dem zu Pflegenden stimmt. Mein Vater hat sich öfters beklagt, dass er in seiner eigenen Wohnung dominiert wird. Er hätte hier nichts mehr zu sagen. Auch wenn sein Gemecker anstrengend und oft nicht gerechtfertigt war, konnte ich ihn dennoch ein wenig verstehen. Vermutlich wäre es ihm im Heim auch so ergangen, aber da hätte er einen Rückzugsraum gehabt. Zuhause lebt man sehr eng mit der Pflegekraft zusammen. Was der eine vielleicht genießt, ist für den anderen eher schwierig.

Ich konnte diesen Fall nicht nur bei meinen Eltern beobachten, sondern auch bei anderen Familien, wie schwierig der Wechsel sich darstellte. Kaum hatten die alten Menschen eine Beziehung zu der Pflegerin aufgebaut, da war sie auch schon wieder weg. Als die Lieblingspflegerin meines Vaters einmal länger in ihrem Heimatland verweilte, baute mein Vater gesundheitlich radikal ab. Mit der Pflegerin, von der sie vertreten wurde, konnte er sich nicht richtig anfreunden. Es ging ihm so schlecht, dass wir uns große Sorgen um ihn machten. Als sie nach 4 Wochen wieder zurückkam, war er in kürzester Zeit wieder auf dem Wege der Besserung.

Was ich damit sagen will: Der Erfolg ist extrem davon abhängig wie gut Pflegehelfer/in und Gepflegter miteinander zurechtkommen.

Modell „Osteuropäische Haushaltshilfe“ passt nicht immer!

Es ist noch nicht lange her, da wurde ich von einem Bekannten gefragt, ob für seinen demenzerkrankten Vater eine osteuropäische Pflegehilfe eine Alternative wäre. Er wollte dem Vater einen Umzug ins Heim ersparen. Ich habe ihm aus folgenden Gründen abgeraten: Sein Vater war kein einfacher Mensch. Er hatte genaue Vorstellung von seinem Tagesablauf und für ihn gab es auch nur ein Weltbild. Das Risiko, dass die osteuropäische Pflegehelferin in dieses Bild nicht hineinpasste, war viel zu groß.

Die zweite Hürde war die Entfernung zwischen Vater und Sohn. Dieser wohnte nämlich 250 km entfernt und konnte bei Bedarf nicht zur Stelle sein. Eine stetige Kontrolle der Pflegesituation halte ich besonders bei demenzkranken Menschen für unabdinglich. Schon deshalb, weil der betroffene Mensch die Situation selbst nicht mehr gut einschätzen kann. Sie können nicht sicher sein, ob das Erzählte stimmt oder nicht.

Nach all den Jahren mit meiner demenzkranken Mutter, wusste ich, dass es sehr schwer sein würde, die Aussagen von ihr und später auch von meinem Vater richtig einzuschätzen. Die Wahrnehmung eines Demenzkranken ändert sich und wer kann mir garantieren, dass er gut behandelt wird?

Sicher haben Sie Recht, wenn Sie jetzt denken, dass eine schlechte Pflegesituation auch im Heim eintreten kann. Dennoch ist man dort nicht nur einer Person hilflos ausgeliefert. Es gibt mehrere Pflegekräfte mit starken Kontrollsystemen, die vermeiden sollen, dass Fehler lange unentdeckt bleiben. Meist kann man sich dann in den Zeitungen davon überzeugen. Bei einer häuslichen Situation bleibt es oft unentdeckt!

Da der Sohn nicht jedes Wochenende vorbeischauen kann, der Vater schon stark wegen der Demenz beeinträchtigt ist, würde ich die Verantwortung nicht an eine mir völlig unbekannte Person abgeben. Zumal es höchst unwahrscheinlich ist, dass die osteuropäischen Pflegekräfte über eine Ausbildung für demenzkranke Menschen verfügen.

Ich habe ihm geraten, einen guten Platz in einem spezialisierten Heim zu suchen, welches in der Nähe seines Wohnortes liegt.

Ein Mensch, der an Demenz erkrankt ist, kann meines Erachtens nur bis zu einem gewissen Grad der Erkrankung zuhause gepflegt werden. Irgendwann wird die fortschreitende Krankheit dazu führen, dass der Angehörige die Pflege zuhause nicht mehr schaffen kann. Der ständige Drang wegzulaufen, die rastlose Unruhe sowie eine starke Persönlichkeitsveränderung lassen den pflegenden Angehörigen oder auch eine Pflegehilfskraft nicht zur Ruhe kommen.

Dazu kommt auch noch, dass ich der festen Überzeugung bin, der richtige Umgang mit einem demenzerkrankten Menschen, sorgt für dessen höhere Lebensqualität.

Ich will damit keineswegs sagen, dass jeder demenzerkrankte Mensch in ein Heim muss. Das liegt an dem jeweiligen Verlauf und der persönlichen Situation bzw. dem Umfeld. Dennoch sollte immer abgewogen werden, was ist sinnvoll für alle Beteiligten und wann ist ein Umzug in ein Heim die besser Alternative.

Ganz sicher sollten Sie aber Ihre demenzkranke Mutter oder Vater, wenn er oder sie alleine lebt, nicht mit einer Ihnen fremden Pflegekraft alleine lassen. Das kann nur funktionieren, wenn Sie im Haus leben oder sich in unmittelbarer Nähe befinden.

Gute Gründe für eine osteuropäische Hilfe

Ich habe einige Haushaltshilfen und Pflegehelferinnen kennengelernt. Sie waren alle nett und bemüht. Diese Lösung kann durchaus funktionieren, wie folgendes Beispiel zeigt.

Ein Ehepaar, bei dem er einen Schlaganfall hatte, aber sie lange noch recht fit ist, wird von ihrem Sohn überredet einer Pflegehilfe zuzustimmen. Die Ehefrau ist selbst nicht mehr so kräftig und die Pflege von ihrem Mann wird immer mühsamer für ihn. Er ist ein sehr umgänglicher Mensch, der aber durch seinen Schlaganfall Hilfe beim Gehen, beim Essen und beim Anziehen braucht. Auch die Hausarbeit wird für die Ehefrau immer anstrengender.

Obwohl beide Eheleute große Bedenken hatten, mit einer fremden Person im Haus zu leben, läuft das Projekt von Anfang an gut. Es dauert nicht lange, dann haben die Drei sich aneinander gewöhnt. Die Hilfe kommt aus Polen und ist eine zupackende und warmherzige Frau. Beide Eheleute bauen nach ein paar Wochen ein freundschaftliches Verhältnis mit ihr auf. Nach 8 Wochen kommt der Wechsel, sie verspricht aber wieder zu kommen. Auch die Vertretung fügt sich gut ein und die gesamte Pflegesituation entwickelt sich extrem gut. Alle sind zufrieden, besonders der Sohn, der weiter weg wohnt und sich große Sorgen um seine Mutter gemacht hat. Diese ist jetzt entlastet und hat auch gelernt, loszulassen und für sich selbst etwas zu tun. Das war zwar am Anfang nicht so einfach für sie, da sie ihren Mann schon viele Jahre pflegte. Aber im Laufe der Zeit fasste sie Vertrauen zu den Helferinnen.

In diesem Fall war es eine hervorragende Lösung. Der Unterschied liegt darin, dass die Ehefrau nach wie vor noch die Verantwortung und vor allem den Überblick über die Pflegesituation hat. Außerdem ist der Ehemann ein angenehmer Mensch, der stets bemüht ist, mitzuhelfen und auch keine Demenz hat.

Wägen Sie ab, ob diese Form der Pflege die Geeignete ist. Aber bedenken Sie stets, dass ein Demenzkranke eine besondere Form der Pflege und Betreuung benötigt.

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