Pflegende werden noch zu oft alleine gelassen

Mit Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 1995, hat sich zweifelsfrei für die pflegebedürftigen Menschen und deren Angehörige die finanzielle Situation verbessert. Nachdem nun 20 Jahre vergangen sind, ist es allerdings enttäuschend festzustellen, dass vielerorts immer noch an einem veralteten Pflegemodell aus einer längst vergangenen Zeit festgehalten wird. Denn wer heute pflegt, läuft immer noch Gefahr, dass er große finanzielle Einbußen hat, dass die Arbeitsstelle wegbricht und er selbst letztendlich krank und ohne Perspektive zurückbleibt. Immer noch baut die Politik und Gesellschaft auf ein System, das mit den momentan geltenden Rahmenbedingungen nicht funktionieren kann. Solange die Pflege der Angehörigen weniger honoriert wird, als die Pflege durch den Pflegedienst und gleichzeitig die Pflegefachkräfte immer rarer werden, haben wir ein Problem.

Meine eigene Geschichte beginnt mit der Idee eines Mehrgenerationenhauses, das in den ersten vier Jahren auch gut funktionierte. Für alle Beteiligten war völlig klar, dass wir einander helfen, wann immer es nötig wird. Einkaufsfahrten, Hilfe im Haushalt sowie im Garten waren selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich war es auch für meine Eltern, gelegentlich auf ihr Enkelkind aufzupassen oder den Hund zu versorgen. Das Zusammenleben funktionierte prima – bis meine Mutter dement wurde und mein Vater einen Schlaganfall bekam. Mit diesen Ereignissen änderte sich plötzlich die gesamte Situation im Haus. Mutter wurde stur und uneinsichtig bis hin zur totalen Verzweiflung. Vater hingegen immer bissiger und depressiv. Die einst nette Atmosphäre im Haus der Großeltern verwandelte sich Schritt für Schritt in ein emotionales Pulverfass. Und meine Familie und ich saßen wie in einem Sandwich mitten drin. Frühzeitig versuchte ich, Unterstützung zu organisieren. Zunächst in Form von Haushaltshilfen, dann ambulanten Pflegedienst und Tagesbetreuungsstätte, bis schließlich eine Pflegerin im Haus wohnte. Ein gemütliches Zuhause war es dann allerdings nicht mehr. Ziemlich lange habe ich mir vorgemacht, dass ich das schaffen kann. Mein Herzrasen, meine Schlaflosigkeit und meine immer wiederkehrenden Infekte ließen mich irgendwann doch erkennen, dass ich mir zu viel zugemutet hatte. Mein gesundheitlicher Zustand und die täglich wachsende Frustration meiner Eltern, haben letztendlich zu meiner Flucht aus dem einst geliebten Haus geführt. Meine Eltern verstarben 2011 und es blieb die Frage zurück: Was war eigentlich aus uns geworden? .

Das Inkrafttreten des neuen Pflegestärkungsgesetz hätte an meiner damaligen Situation nichts geändert. Der emotionale Druck und die hohe Erwartungshaltung meiner Eltern, wären unverändert gewesen. Solange der Umzug in ein Heim oder die Nutzung einer Tagespflege einer Kapitulation gleich kommt, solange werden die Angehörigen bis zur Selbstaufgabe pflegen. Viele bis zur totalen Erschöpfung, weil sie es für ihre Pflicht halten und sich dem moralischen Druck beugen. Da nützt es wenig, wenn es mehr Geld für behindertengerechte Umbauten für zuhause gibt bzw. insgesamt fünf Milliarden mehr in die Pflege fließen.

Dennoch halte ich es für einen wichtigen Schritt, dass Menschen mit Demenz in Zukunft durch die neue Begutachtung finanziell besser gestellt werden. Denn Geld kann Entlastungsmöglichkeiten für die Angehörigen schaffen und Freiräume geben.

Doch was wir wirklich brauchen, ist eine Welt, in der wir wieder mehr Zeit für einander haben. In der pflegenden Angehörige mit werdenden Eltern gleichgestellt sind und während der gesamten Pflegezeit den Anspruch auf ihren Arbeitsplatz nicht verlieren. Vor allem wünsche ich mir, dass sie und das gesamte Pflegepersonal mehr Wertschätzung durch die Politik und der Gesellschaft erfahren und für ihr Engagement statt Nachteile, Vorteile erfahren. Denn wir alle müssen darüber nachdenken, wer sich in Zukunft um die enorm steigende Anzahl der alten Menschen kümmern soll!

Dies gilt im übrigen auch für die alternde Generation, die ihre Wertschätzung dadurch zum Ausdruck bringen kann, in dem sie sich offensiv mit ihrem eigenen Altwerden auseinandersetzen und mit ihren Angehörigen in den Dialog tritt.

[Dieser Text erschien auch in XING am 04.01.2016]

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