Der sterbende Mensch als Cash Cow

Matthias Thöns hat ein Buch geschrieben, dass die Ärzteschaft aus dem Stuhl reißt. Er klagt darin die Geldgier und die Skrupellosigkeit mancher Kollegen an. „Patient ohne Verfügung“ ist der Titel und trifft den Nerv der Menschen.

Thöns, der  seit 1998 als Palliativmediziner tätig ist und täglich mit dem Sterben konfrontiert wird, hat einen völlig anderen Blick auf das Thema „Sterben“, wie so manch seiner Kollegen. Sein Buch ist voll mit erschütternden Beispielen, mit denen er belegt, dass es nicht nur um die Lebensverlängerung eines Menschen geht, sondern oftmals auch um den Profit der Gesundheitsindustrie.

Sinnlose Chemotherapien

Besonders erschütternd ist die Erkenntnis, dass jede zweite Chemotherapie, die ein krebskranker Mensch über sich ergehen läßt, weniger dem Patienten dient, als viel mehr dem Arzt. Laut Thöns werden 60 Prozent der Krebskranken noch in den letzten zwei Monaten  ihres Lebens chemotherapiert. Dabei sind Forscher aus NewYork, die die Krankenblätter von der Zielgruppe genau analysiert haben zu dem Ergebnis gekommen, dass nicht das Leben verlängert wird, sondern das Leiden! »Chemotherapie nutzte den Patienten nichts, egal wie sehr sie ihre Krebserkrankung schon beeinträch­tigt hatte«, sagt Holly Prigerson,5 die Leiterin des Studienprojekts. Ein erschütterndes Ergebnis!

Wachkomapatienten – Starke Einnahmequelle?

Sein Kapitel „Wehrlos im Wachkoma“ schreibt über die Aussichtslosigkeit der Heilung und die Verzweiflung der Angehörigen von Menschen, die im Wachkoma liegen. Ein Patient im Wachkoma bringt viel Geld ein und ist einfach zu pflegen. Bei meiner intensiven Recherche zu meinem zweiten Buch „Anklage Sterbehilfe“, bin ich genau zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Katharina, die sieben Jahr im Wachkoma lag, wurde das Sterben verweigert. Obwohl ziemlich klar war, dass es keine Aussicht auf Besserung gab und sie keinerlei Reaktionen mehr zeigte. Sie musste unendlich viele Operationen über sich ergehen lassen, deren Sinnhaftigkeit der Ehemann stark anzweifelte, und war dem Ärzteteam und Pflegeteam völlig ausgeliefert.

Interessant ist auch ein Brief, den Matthias Thöns an rund 250 Pflegedienste verschickt. Darin bittet er um die Übernahme der Pflege für einen Onkel, der einen schweren Hirnschaden hat und im Koma liegt. Weiter schreibt er, dass er gegen den Willen der restlichen Familie, den Onkel weiter am Leben erhalten wird. Wortwörtlich:
„Das Ganze eilt sehr, da mir meine Tante droht, dass sie und nicht mehr ich die Betreuung macht. Sie behauptet mit dem Rest der Familie, er hätte so nie leben wollen. Ehrlicherweise ist so auch seine Patientenverfügung zu verstehen. Nun macht mir das Betreuungsgericht hier Schwierigkeiten. Mit einem neuen Betreuungsgericht wird es keinen Ärger geben, wenn das Original nicht vorgelegt wird (und das liegt bei mir).“

Danach erhält er Antwort von 90 Prozent der angeschriebenen Dienste, die diese Aufgabe gerne übernehmen, sobald die Zusage der Krankenkasse vorliegt. Die Kosten hierfür liegen bei rund 22.000 Euro! Kein Wunder also, dass hier alle gerne mitmachen.

Die Gesellschaft trägt auch Verantwortung

Das Buch und die darin zu findenden Geschichten von Matthias Thöns, zeigen auf, wie sehr wir als Gesellschaft den Boden unter den Füßen verloren haben. Der Tod ist nun mal ein Teil des Lebens und in manchen Fällen ist er die bessere Alternative. Michael De Ridder, Bestsellerautor und Mediziner, zitiert in einem seiner Bücher einen unbekannten Tragödiendichter, der nachdenklich stimmt: „Wer weiß schon, ob das Sterben nicht eigentlich das Leben und das Leben nicht eigentlich das Sterben ist.“

Deswegen müssen nicht nur die Ärzte akzeptieren, dass der Tod zum Leben gehört, sondern vor allem auch die Gesellschaft. Denn auch sie sind dafür verantwortlich, wenn sterbenskranke und dem Tod geweihte Menschen nicht sterben können. Oft wird aus egoistischen Gründen dem Menschen das Sterben versagt, weil wir ihn nicht loslassen wollen. Die Ärzte, die in diesem Buch „Patient ohne Verfügung“ angeklagt werden, sind nur ein Spiegel unserer Gesellschaft.

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