Wenn aus Frust Gewalt entsteht

Es ist immer noch ein Tabuthema, aber es ist aktueller denn je: Gewalt in der häuslichen Pflege. Doch wie kann es dazu kommen?

Die Dunkelziffer ist groß und manch eine Pflegefachkraft vom ambulanten Pflegedienst hat schon so einiges in der häuslichen Pflege erleben müssen. Wer täglich an sein persönliches Limit gehen muss, keinerlei Wertschätzung für das Engagement erfährt und vielleicht auch noch mit aggressiven Attacken konfrontiert wird, der kann unter Umständen sich zu Handlungen hinreißen lassen, die er sich vorher nie hätte erträumen lassen.

Die Hilflosigkeit und die Frustration über den körperlichen Zerfall, den viele Menschen im Alter erleben, kann dazu führen, dass sich ihr Wesen verändert. Besonders die Pflege von demenzkranken Menschen stellt hohe Anforderungen an den Pflegenden. Die Persönlichkeitsveränderung, die einhergeht mit einem plötzlichen Rollenwechsel (Eltern-Kind), wird möglicherweise zu einer starken Belastung, die der Angehörige nicht immer kompensieren kann.

Gerade weil so eine enge Beziehung zu den erkrankten Menschen besteht, ist es schwer, jenen professionellen Abstand zu finden, der so wichtig wäre. Kommen noch finanzielle Probleme, soziale Isolation oder Arbeitslosigkeit hinzu, erhöht sich das Gewaltrisiko. So kommt es vor, dass Menschen in der Pflege körperlich misshandelt oder extrem vernachlässigt werden. Übrigens wird in beiden Fällen von Gewalt in der Pflege gesprochen!

In diesem Zusammenhang schockiert eine Untersuchung der Europäischen Union. Danach werden in wirtschaftlich entwickelten Ländern mindestens 25 Prozent (!) der alten Menschen in ihrem Zuhause vernachlässigt oder gar misshandelt. Bei dieser Untersuchung sind Demenzkranke und Menschen über 85 Jahre NICHT mitgerechnet, sodass vermutet wird, die Dunkelziffer könne deutlich höher liegen.
Hier dazu ein Interview mit Prof. Rolf Hirsch, Alterswissenschaftler im SWR 2

Doch eines will ich klar stellen! Wer in der Pflege gewalttätig wird, ist deswegen noch lange kein schlechter Mensch. Wäre es denn sonst überhaupt zur Übernahme der Pflege gekommen? Doch die vielen Jahre des Verzichts, die ständige Anspannung und die Verpflichtung, immer verfügbar zu sein, können zu einer psychischen Überlastung führen. Der pflegende Angehörige gerät seine Grenze und überschreitet sie.

Schönreden will ich allerdings auch nichts. Denn es gibt leider auch traurige Fälle von Habgier, bei der die Pflege aus finanziellen Gründen (Pflegegeld, Besitz, Haus etc.) übernommen wurde und es anschließend zur Vernachlässigung oder gar Gewalt kommt.
Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch, dass die bloße Vernachlässigung bereit ein Straftatbestand ist.

Gewalt geht auch von dem zu Pflegenden aus
Tatsächlich hört man meist von Gewalt und Misshandlungen, die von den Pflegerinnen und Pfleger ausgehen. Doch tatsächlich konnte man in einer Umfrage lesen, dass 60 Prozent der Fachkräfte in der ambulanten Pflege mehrfach mit verbalen Angriffen konfrontiert wurden, die von den pflegebedürftigen Menschen ausgingen. 36 Prozent waren sogar ein- oder mehrmals körperlichen Angriffen ausgesetzt. Darüber ist in den einschlägigen Medien wenig zu lesen!

Auf Grundlage dessen, kann man davon auszugehen, dass die pflegenden Angehörigen zuhause ebenso Beleidigungen oder Handgreiflichkeiten ausgesetzt sind. Doch wie kann man sich dann wehren? Auf jeden Fall nicht, indem man zurück schlägt. Wer spürt, dass die eigenen Grenzen überschritten wurden, sollte sich unbedingt Hilfe holen. Denn jedem muss klar sein, dass jeder Mensch ein Recht auf Unversehrtheit hat und ein Recht auf eine würdevolle Pflege.

Wer an sich Züge der Überforderung erkennt, sollte schnellstens handeln. Die Beratungsstelle bei Konflikten und Gewalt in der Pflege in Berlin hat ein Sorgentelefon mit der Rufnummer 0800/111 0111 oder 0800 / 111 0222 (kostenfrei)
Die Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter – Handeln statt Misshandeln e.V. bietet auch Beratung und Information für alte Menschen und deren Angehörige. Telefon 0228/636322.
Auf der Webseite „Zentrum für Zentrum für Qualität in der Pflege finden sie bundesweite Telefonnummern: http://www.pflege-gewalt.de/akute_notsituation.html

Es ist keine Schande, wenn man sich überfordert fühlt und Hilfe sucht. Auch wer bei Freunden, Nachbarn oder eigenen Eltern Misshandlungen bemerkt oder vermutet, sollte sich unbedingt einmischen. Oft ist der Pflegende isoliert und befindet sich in einer schwierigen Pflegesituation. Dann ist Hilfe von außen dringend erforderlich!

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